Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft 2018-07-19T10:28:19+00:00

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft

funkschau: Frau Graf-Detert, Frau Calaminus, die Kultur vieler Unternehmen wandelt sich derzeit. Wie sieht diese Entwicklung genau aus und wodurch ist sie getrieben?

Barbara Graf-Detert: Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft in einem sehr hohen Tempo. Neben der Art wie wir zusammenleben und kommunizieren, verändert die Digitalisierung unser Konsumverhalten und die Art und Weise, wie und wo wir zusammenarbeiten. Besonders in der industrialisierten Welt erwarten wir, dass das, was wir als Verbraucher im privaten Bereich schon seit Jahren erleben, auch Einzug in die Arbeitswelt hält. Stichwort: Transparenz, Entscheidungs- und Bewertungsmöglichkeiten, Geschwindigkeit, Individualität.

Jessica Calaminus: Die Vernetzung und der Zugang zu Wissen führt dazu, dass Mitarbeiter innerhalb der Unternehmen besser informiert sind und sich auch immer mehr für die Belange ihres Unternehmens interessieren, also partizipativer in Entscheidungsprozesse eingebunden werden möchten.

funkschau: War die Technik der ausschlaggebende Faktor dieses Wandels – oder hat sich eher die Unternehmenskultur auf den Einsatz entsprechender Technologien ausgewirkt?

Graf-Detert: Das ist letztlich die Henne-Ei-Frage. Beides beeinflusst sich. Jede Kultur wird mit darüber entscheiden, wie Prozesse innerhalb eines Unternehmens ausgestaltet werden. Aber auch alle Prozesse, die ein Unternehmen verändert oder einführt, nehmen Einfluss auf die Unternehmenskultur.

Calaminus: In Zeiten des Wandels kann man an Beidem ansetzen, wichtig ist nur zu wissen, wohin man in Zukunft möchte. Diese Frage stellen sich Unternehmen unserer Erfahrung nach nicht konsequent genug. In der Praxis sehen wir häufig, dass die Unternehmen schneller bereit sind, sich den Prozessen zu widmen, dabei jedoch den Einfluss der jeweiligen Unternehmenskultur unterschätzen. Unserer Meinung nach liegt die größte Herausforderung der Digitalisierung nicht im Prozess, sie liegt in der Unternehmenskultur.

funkschau: Wie sollten Unternehmen also auf den Wandel reagieren?

Calaminus: Ganz konkret sollten Unternehmen sich stark damit auseinandersetzen, was ihre Kultur ist und ob diese tragfähig für den Wandel ist. In der Arbeitswelt bedeutet das, sich flexibler aufzustellen – von den Prozessen her und der Frage, wo Entscheidungen getroffen werden. Es sollte das Arbeiten in Netzwerken gefördert werden sowie Kooperation und Partizipation.

Graf-Detert: Unternehmen sollten auch nicht von heute auf morgen alles in die Tonne klopfen und eine zu große Disruption lostreten. Immerhin sind viele deutsche Firmen sehr erfolgreich in dem, was sie tun. Es heißt also, Altes wertzuschätzen, gleichzeitig aber zu modernisieren und zu digitalisieren.

funkschau: Haben die Unternehmen ihre eigenen Erfolge zu selten im Blick?

Calaminus: Viele Change-Projekte fokussieren sich mehr auf das, was nicht funktioniert. Diese Projekte werden mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Stattdessen sollten sich die Unternehmen auf ihre Stärken konzentrieren und diese ausbauen. Den Mitarbeiter für Neues zu begeistern und zu befähigen ist dabei letztlich die größte Herausforderung.

funkschau: Scheitern die Projekte oftmals am Widerstand der Mitarbeiter?

Graf-Detert: Tatsächlich sehen wir sehr oft, dass Veränderungsprozesse verpuffen. Daher ist es wichtig, alle Mitarbeiter früh in die Entwicklung mit einzubinden und für Nachhaltigkeit und Konsequenz zu sorgen, sonst rutschen Unternehmen wieder zurück, statt voranzukommen. Veränderung ist ein langer Prozess, oft gemessen in Jahren, und kein kurzfristiges Projekt.

funkschau: Welche Rolle hat die Technologie letztlich bei diesem Prozess?

Graf-Detert: In Zukunft vereinfacht die Digitalisierung Arbeitsläufe aller Voraussicht nach noch weiter und löst den Mitarbeiter in vielen Bereichen als Arbeitskraft ab. Menschliche Arbeit konzentriert sich dann auf Bereiche, die menschliche Intelligenz und Kreativität erfordern. Die Digitalisierung der Arbeitswelt eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, um Arbeit flexibler zu gestalten und Mitarbeitern eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen allerdings auch lernen, mit den neuen Möglichkeiten und der Verantwortung sinnvoll umzugehen.

funkschau: Der verstärkte Einsatz von mobilen Endgeräten und flexiblen Lösungen verwischt aber immer stärker die Grenze zwischen Privatleben und Beruf. Ist das nicht gefährlich?

Calaminus: Unternehmen sind in Deutschland derzeit gesetzlich verpflichtet, für den Mitarbeiter im Hinblick auf Arbeitszeiten, Arbeits- und Datenschutz Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig fordern aber auch immer mehr Mitarbeiter, diese Grenzen aufzulockern.  Für Unternehmen und Mitarbeiter ist das eine riesige Herausforderung, für die es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine klare  Lösung gibt. Die Frage bleibt: Wer übernimmt hier letztlich die Verantwortung?  Individuum oder Unternehmen?

Graf-Detert: Das Bewusstsein für diese Themen steigt aber im Markt zusehends – parallel zum Druck auf die Unternehmen. Immerhin wollen viele Fachkräfte mittlerweile mehr in Start-ups arbeiten als in klassischen Betrieben. Man muss handeln, um weiterhin attraktiv zu sein.

funkschau: Sollte also jeder deutsche Mittelständler eine Kultur und Arbeitsumgebung à la Google oder Microsoft bieten?

Calaminus: Nein, mit copy and paste sind Unternehmen  nicht gut bedient.  Jedes Unternehmen hat seinen eigenen Weg hinter und vor sich. Es geht darum, Möglichkeiten zu finden, die zum Unternehmen, dessen Kultur und den Bedürfnissen der Mitarbeiter passen.

funkschau: Lassen sich denn alle Mitarbeiter gleich stark vom Wandel begeistern und erreichen?

Calaminus: Unternehmen werden in  Veränderungsprozessen auch Mitarbeiter verlieren, das lässt sich meist nicht vermeiden. Dennoch sehen Mitarbeiter auch die Notwendigkeit. Entscheidend ist, dass Unternehmen den ersten Schritt gehen, diesen offen kommunizieren und die Mitarbeiter frühzeitig einbinden. Unternehmenskultur ist kein Fass ohne Boden und kein weicher Faktor mehr. Sie ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Veränderung.